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Bewerberinterviews

Eine professionelle Personalauswahl kann ein wesentlicher Beitrag zum Unternehmenserfolg sein. Die Zuverlässigkeit der Bewerbereinschätzung lässt sich steigern, wenn einige Kriterien eingehalten werden. Diese sind: Ein differenziertes Anforderungsprofil, ein Gesprächsleitfaden, ein spezifischer Fragenkatalog und eine klare Definition dessen, was das erwünschte Verhalten des Bewerbers ist und woran es im Interview festgemacht wird sowie zwei Interviewer und ein Testsystem zur Absicherung des persönlichen Eindrucks.

In Zeiten von Kosteneinsparungen, Prozessoptimierungen und Mangel an qualifizierten Fach- und Führungskräften ist es ausgesprochen wichtig, Bewerber mit Potenzial zu identifizieren. Eine falsch eingestellte Fach- oder Führungskraft verursacht nicht nur den anderen Mitarbeitern Motivationsprobleme sowie Imageschäden für die Firma, sondern auch mindestens ein Jahresgehalt an Kosten. Dabei sind noch nicht die indirekten Kosten wie negative Auswirkungen auf Innovationsprozesse, Kunden usw. berücksichtigt.

Intuitiv und unprofessionell geführte Bewerbergespräche sind unzuverlässig und beinhalten einige Fallstricke. Diese Fallstricke lassen sich deutlich reduzieren, wenn einige Punkte beachtet werden.

Kriterien für ein Bewerberinterview

Wichtige Kriterien für ein qualitativ hochwertiges Bewerberinterview sind:

  1. Klares Anforderungsprofil (fachliche, persönliche und Führungskompetenz)
  2. Klarer Leitfaden bzw. klare Gesprächsstruktur
  3. Sorgfältig abgestimmter Fragenkatalog
  4. Eindeutige Beobachtungsmerkmale
  5. Sequenzielle Prüfung der Anforderungskriterien und Mindestinterviewdauer
  6. Zwei Interviewer und als Ergänzung eine Potentialanalyse (Führungstest)
  7. Beachtung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes


Im folgenden diese Punkte im Detail.

1. Klares Anforderungsprofil

(Fachliche, persönliche und Führungskompetenz)

Die Qualität einer Auswahlentscheidung ist so gut wie das Anforderungsprofil. Nur wenn ein eindeutiges Anforderungsprofil definiert ist, können im Interview oder in weiteren unterstützenden Diagnoseinstrumenten, wie z.B. Tests, die vorhandenen Fähigkeiten im Verhältnis zu den Anforderungen klar und differenziert geprüft werden. Es sollte geprüft werden, ob sich die Anforderungen verändert haben, bevor ein Anforderungsprofil aus der Vergangenheit übernommen wird.

Beispiel eines Anforderungsprofils

  • Fachliche Kompetenz
  • Berufserfahrung
  • Teamfähigkeit
  • Lernbereitschaft
  • Führungsanspruch
  • Durchsetzung
  • Selbstvertrauen
  • Konflikt- und Kritikfähigkeit
  • Belastbarkeit
  • strategische Orientierung
  • Kommunikationsfähigkeit
  • soziale Kompetenz
  • systematisches Arbeiten
  • Einfühlungsvermögen

Entscheidend ist, dass das Anforderungsprofil auf die Firma und auf die Position abgestimmt ist. Wie wichtig ein realistisches Anforderungsprofil ist, zeigt sich sehr schnell dann, wenn der ideale Bewerber oder die ideale Bewerberin nicht zu finden ist. In Zeiten mangelnder qualifizierter Fach- und Führungskräfte ist dies in der Praxis oft der Fall.

Musskriterien

Wenn es jetzt in Folge dessen darum geht, das ursprünglich definierte Anforderungsprofil (das oft nur einem Wunsch entspricht) abzuspecken, um doch noch einen (vielleicht nicht ganz optimalen) Bewerber einstellen zu können, stellt sich die Frage: Worauf können wir wirklich verzichten? Hierbei ist entscheidend, dass mindesten zwischen Musskriterien und "nice to have" unterschieden wird.

Es ist empfehlenswert, sich bei der Erstellung des Anforderungsprofils genau zu überlegen, welche Fähigkeiten die oder der Neue haben soll, und darüber hinaus bei dessen Definition folgender Maßen vorzugehen:

  1. Im ersten Schritt werden alle Aufgaben, die später erledigt werden sollen, zusammentragen. Es geht hierbei um die Frage: Was soll der Mitarbeiter tun und welche Verantwortung hat er?
  2. Dann wird im zweiten Schritt festgelegt, wie diese Aufgaben erledigt werden sollen, also, wie stellen wir uns die Aufgabenerledigung idealerweise vor?
  3. Im dritten Schritt wird festgelegt, welche Eigenschaften und Fähigkeiten der Mitarbeiter zur Erledigung benötigt. Der vierte und letzte Schritt ist die Unterscheidung von Muss- und Kannkriterien.

Beispiel

Was soll der Mitarbeiter tun? Wie solllen die Aufgaben erledigt werden? Welche Fähigkeiten werden dafür benötigt?(Anforderungskriterien) Muss- und Kannkriterien
Neukundenakquise Mit Kunden Termin vereinbaren Mut / Initiative / sicheres Auftreten / Rhetorik Muss
Auf den Kunden aktiv zugehen Initiative / ersten Schritt machen Muss
Erstgespräch führen Small Talk / Intuition / Menschenkenntnisse Muss
Bedarfsanalyse durchführen Interessen / systematisches Vorgehen Muss
Produkt präsentieren Bildhafte Sprache / Vorteilsargumente Kann
Preisverhandlungen durchführen Zusammenhänge herstellen Muss


2. & 3. Klarer Leitfaden bzw. Gesprächskultur

(Sorgfältig abgestimmter und diagnostisch sinnvoller Fragenkatalog)

Die Aussagesicherheit bezüglich des späteren Erfolges des neuen Mitarbeiters auf der Grundlage eines Interviews ist sehr niedrig. Gründe hierfür sind u.a.:

  • Ein oft undifferenziertes oder unrealistisches Anforderungsprofil;
  • Zu geringe Vorbereitung auf das Interview, so dass oft intuitiv vorgegangen wird - in der Praxis lässt sich oft beobachten, dass es keine vorbereitete Gesprächsstruktur für das Interview gibt;
  • Außerdem werden immer wieder unterschiedliche und zudem ungeeignete Fragen gestellt, so dass die Ergebnisse der verschiedenen Interviews kaum miteinander verglichen werden können.


Deshalb sollte ein Fragenkatalog erarbeitet werden. Die Fragen kommen dann primär aus diesem Katalog. Das bedeutet nicht, dass die Fragen immer in der gleichen Reihenfolge "abgearbeitet" werden müssen. Angenommen es bestehen zu jedem einzelnen Anforderungskriterium 7 Fragen. Dem ersten Bewerber werden dann zum Beispiel zunächst 4 Fragen davon gestellt, die erste, die dritte, die vierte und die fünfte Frage, und dem zweiten Bewerber - in Abhängigkeit vom Verlauf des Interviews - die erste, die zweite, die dritte und die sechste Frage. Der Vorteil dieses Vorgehens ist, dass dadurch Vergleichbarkeit gesichert und zugleich Flexibilität in der Gesprächsentwicklung möglich ist.

Häufig lassen sich die Interviewer im Bewerbungsgespräch bei ihren Beobachtungen zu sehr durch Gefühle leiten, so dass es schwer fällt, die jeweilige Qualifikation des Bewerbers zu genau zu prüfen. Wenn das Gespräch selbst stark gefühlsgesteuert ist, gibt es später keine Möglichkeit mehr, subjektive Eindrücke zu überprüfen.

Beobachtungsfehler reduzieren

Das Problem hierbei sind vor allem die unterschiedlichen Beobachtungsfehler. Hiervon gibt es eine Menge. Diese lassen sich nicht völlig verhindern, aber durch Beachtung folgender Punkte erheblich reduzieren:

  • Gesprächsablauf vorab festlegen
  • Fragenkatalog erarbeiten, aus dem immer wieder Fragen verwendet werden können. Mit zunehmender Erfahrung lernt man im Laufe der Zeit, die Qualität der Antworten immer besser zu bewerten. Außerdem sind die Interviewer entlastet und können sich stärker auf das Beobachten konzentrieren.
  • Sich die möglichen Beobachtungsfehler immer wieder bewusst machen.


4. Eindeutige Beobachtungsmerkmale

Die meisten Fehler werden bei der Beobachtung und damit bei der Bewertung des jeweiligen Bewerberverhaltens gemacht. Den Interviewern ist oft nicht klar, an welchen Aussagen oder Verhaltensweisen des Bewerbers sie erkennen können, ob er eine gegebene Anforderung erfüllt, zum Beispiel ob ein Bewerber "kritikfähig" ist. Sie haben kaum eine Vorstellung, was sie hierzu im Interview beobachten könnten.

Deshalb ist es empfehlenswert, bereits im Vorfeld eines Interviews zu den wichtigsten Anforderungskriterien einen sogenannten Beobachtungsbogen zu entwickeln. Dieser konkretisiert, welches Verhalten zu schwach oder zu intensiv ist, oder der Anforderung entspricht. In der Fachsprache wird ein solcher Beobachtungsbogen Operationalisierung der Anforderungsmerkmale genannt.

Die folgende Tabelle zeigt einen Auszug aus einem Beobachtungsbogen zu der Anforderung Durchsetzungsfähigkeit:

Beobachtbare
Verhaltensmerkmale
Durchsetzung

schwache Ausprägung


positiver Bereich


übersteigerte Ausprägung


  • Kommt schwer zu Wort, lässt sich unterbrechen
  • Verhält sich überhöflich und zurückhaltend

  • Kommt leicht zu Wort; man finden Interesse
  • Bringt Ruhe in die Diskussion

  • Verwendet "Killerphrasen"
  • Äußert Belehrungen, Bevormundungen


5. Prüfung der Anforderungskriterien, Mindestinterviewdauer

Die Aussagefähigkeit über die Kompetenz und die Entwicklungsmöglichkeiten der Bewerber wird dadurch verbessert, dass die einzelnen Anforderungskriterien jeweils getrennt voneinander und sequenziell geprüft werden. Man behält so den Überblick und die gegenseitige Beeinflussung der einzelnen Beobachtungen wird weitgehend vermieden. Dadurch wird eine wesentliche Fehlerquelle reduzieret.

Ein systematisch geführtes Interview zur Feststellung der erforderlichen Kompetenz dauert mindestens 1 ½ bis 2 Stunden, zuzüglich der Prüfung der fachlichen Fähigkeiten eines Bewerbers. Besser ist es noch, zwei Interviews zu führen, da sich Bewerber im zweiten Gespräch meist anders verhalten als im ersten und Beobachtungen aus dem ersten Interview vertieft bzw. ergänzt werden können.


6. Zwei Interviewer und eine Potanzialanalyse

(Test oder Einzel Assessment)

Viele Fehler können durch einen zweiten Interviewer reduziert werden. Eine Person kann sich auf den Gesprächsfluss konzentrieren und die andere Person auf das Beobachten. Diese Beobachtungen können später wieder aufgegriffen und vertieft werden.

Auf Grund der niedrigen Zuverlässigkeit von Aussagen über die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Bewerbers ist zusätzlich zum Bewerbergespräch ein Testsystem/eine Potenzialanalyse beziehungsweise ein Einzel-Assessment-Center zur Absicherung oder gegebenenfalls Korrektur subjektiver Eindrücke zu empfehlenswert.

Untersuchungen zeigen, dass es mit professionell durchgeführten Interviews möglich ist, bis zu 45 % des späteren Verhaltens zu prognostizieren. Qualitativ hochwertige Potenzialanalysesysteme können bis zu 75 % des späteren Verhaltens beschreiben, so dass eine Kombination sinnvoll ist.

Im Moment gibt es am Markt eine Vielzahl solcher Systeme, die jedoch meist entweder den notwendigen praktischen Anforderungen oder den wissenschaftlicher Gütekriterien nicht genügen. Bereits durch eine konsequente Umsetzung der obigen Punkte läßt sich jedoch die Trefferquote bei der Auswahl von Fach- und Führungskräften deutlich erhöhen.


7. Beachtung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes

Seit dem August 2006 gibt es in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Dieses Gesetz ist im wesentlichen nichts neues, wird jedoch zur Zeit politisch besonders betont.

Mit dem AGG werden vier EU-Richtlinien zum Schutz vor Benachteiligung am Arbeitsplatz hinsichtlich der Merkmale Rasse, ethnische Herkunft, Religion und Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexuelle Identität und Geschlecht umgesetzt. Nach dem AGG haftet der Arbeitgeber auch ohne eigenes Verschulden, wenn Mitarbeiter/innen nachweislich andere diskriminieren oder belästigen, es sei denn, der Arbeitgeber hat seine Beschäftigten in den relevanten Themen des AGG nachweislich geschult.

Die Konsequenz bei der Personalauswahl ist, dass der Arbeitgeber

  1. seine Personalentscheidungen dokumentieren muß (um diese gegebenenfalls später Dritten gegenüber stichhaltig begründen zu können), dass
  2. Personalentscheidungen objektiviert werden sollten (klares Anforderungsprofil, festgelegte Fragen, keine unzulässigen Fragen und klare Operationalisierung der Anforderungsmerkmale).


Weiterhin ist dringend zu empfehlen, dass ein Arbeitgeber abgelehnten Bewerbern keine differenzierte Aussage über den Ablehnungsgrund nennen sollte (so schade dies ist), da diese Informationen gegen den Arbeitgeber verwendet werden können.


Autor

Albrecht Müllerschön

www.muellerschoen-focus.de