Wechseln zu: Navigation, Suche
Sechs Strategien gegen den Fachkräftemangel der Zukunft
Version vom 10. März 2022, 12:56 Uhr von Sascha Hertling (Diskussion | Beiträge)

(Unterschied) ← Nächstältere Version | Bestätigte Version (Unterschied) | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Sich verstärkende Fachkräfteengpässe brauchen neue Strategien zur Bewältigung. Denn je mehr Arbeitgeber um immer weniger geeignetes Personal buhlen, desto weniger reichen die Mittel klassischer Personalarbeit. Der P³erspektive Personal Ansatz des RKW hilft mit dem P³erspektive Canvas als Tool beim nötigen Perspektivwechsel, um neue Lösungen zu finden, die helfen, das eigene Unternehmen trotz Fachkräftemangel zukunftsfähig aufzustellen.


Fachkräftemangel der Zukunft verlangt neue Strategien

Der Fachkräftemangel ist zugegebenermaßen kein neues Thema. Warum also, so könnte man fragen, braucht es neue oder gar innovative Strategien? Weil wir, soweit man dies seriös prognostizieren kann, wohl an einem Wendepunkt stehen.

Mit den geburtenstarken Jahrgängen scheiden inzwischen deutlich mehr Arbeitnehmer aus dem Arbeitsmarkt aus, als neue hinzukommen. Diese Entwicklung steht gerade erst an ihrem Anfang und wird den Arbeitsmarkt in den nächsten Jahrzehnten prägen. Wie stark, das hängt von vielen Einflussfaktoren, wie Konjunktur, Einwanderungszahlen oder Erschließung des vorhandenen Arbeitskräftepotenziales ab. Manche Experten prognostizieren etwa 3,1 Millionen Fachkräfte weniger bis zum Jahr 2040 (IW 2021).

Insbesondere kleine Unternehmen werden dadurch vor große Herausforderungen gestellt. Denn je mehr der Arbeitsmarkt vom Anbieter- zum Bewerbermarkt wird, desto schwieriger wird es für kleine Unternehmen mit der größeren Konkurrenz Schritt zu halten. Das hat vielfältige Gründe: Flache Strukturen begrenzen Karrierechancen, es gibt keine Abteilung, die sich um das Thema kümmern könnte oder die zur Verfügung stehenden finanziellen Möglichkeiten sind begrenzt.

Angesichts dieser Situation möchten wir Sie einladen, mit uns den Blick in die Zukunft zu richten und sich mit uns zwei Fragen zu stellen:

  • Was können Unternehmen tun, um sich geschäftlich weiterzuentwickeln, selbst wenn nicht mehr genügend Arbeitskräfte (für alle) auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen?
  • Und wie können auch kleine Unternehmen ihre Vorteile nutzen?


Strategien innovativer Unternehmen

Denn zur Wahrheit gehört auch: Während viele Unternehmen verzweifelt um Fachkräfte ringen, haben andere Unternehmen der gleichen Branche, Größe und Region für sich Lösungen gefunden, um das Problem zu entschärfen oder gänzlich zu lösen. Wie kommt es dazu?

Die Antwort ist nicht einfach. Denn die Strategien, die innovative Unternehmen einschlagen sind vielfältig und gehen mitunter deutlich über "klassische" Personalarbeit hinaus. Dieser Perspektivwechsel, das Hinterfragen des Status Quo und die Bereitschaft den Fachkräftemangel nicht mit einzelnen Maßnahmen sondern langfristig und strategisch anzugehen, ist bei aller Unterschiedlichkeit das, was diese Unternehmen verbindet. Oder in anderen Worten: Anstelle bei Personalengpässen ausschließlich auf die Personalarbeit zu schauen, wagen innovative Betriebe, den Blick auf das gesamte Unternehmen. Die Praxis zeigt, dass so nicht nur Personalengpässe aufgefangen, sondern zeitgleich das Unternehmen entwickelt werden kann. Ein paar Beispiele:


  • Attraktive Arbeitsbedingungen dank modernster Technologie

Fickenschers Backhaus GmbH setzt auf traditionelle Handwerkskunst und modernste Technik, um Arbeitgeberattraktivität und Produktqualität zu steigern. Mehr Informationen


  • Frühzeitig vorsteuern durch einen strategischen Blick in die Zukunft

Die Wachendorff Automation GmbH & Co. KG sorgt für das passende Personal von morgen durch vorausschauende Personalentwicklung und attraktive Arbeitsplätze. Mehr Informationen


  • Ausländische Fachkräfte fit machen für den deutschen Arbeitsmarkt

Ein Praxisnetz und ein Institut entwickeln gemeinsam einen Lehrgang zur Integration ausländischer Physiotherapeuten und Physiotherapeutinnen. Mehr Informationen


  • Einsatz von Cobots steigert Effizienz und Arbeitgeberattraktivität

Die VEMA technische Kunststoffteile GmbH automatisiert ihre Fertigung mit dem Einsatz von Cobots, um ihre Mitarbeitenden zu entlasten und zu unterstützen. Mehr Informationen


  • Radikal vereinfachte Angebotsprozesse im Handwerk

Wie Alex Stamos in seinem Heizungsbetrieb für regenerative Techniken den Angebotsprozess automatisiert und damit die Spielregeln seiner Branche verändert. Mehr Informationen


  • Ein Handwerksunternehmen hebt Kooperationen auf ein neues Niveau

Wachsen ohne neue Fachkräfte: Die Holl Elektro-Technik GmbH entwickelt mit Check and Work eine moderne Infrastruktur für Kooperationen im Handwerk. Mehr Informationen


  • Ein Sachverständigenbüro wird zum Plattformanbieter

Ein kleines Sachverständigenbüro nutzt sein eigenes Know-how, um digitale Angebote für seine Wettbewerbsunternehmen zu entwickeln. Mehr Informationen


  • Ein IT-Unternehmen wird zur virtuellen Organisation

Die Bright Solutions GmbH arbeitet weltweit mit Freelancern zusammen. Dafür braucht es ein digitales Führungssystem und sauber definierte Strukturen und Rollen. Mehr Informationen


  • Ein skalierbares Geschäftsmodell gegründet auf Technologie, Design und ein Netzwerk

Auf der Plattform form.bar kann man Möbel online selbst planen. Gefertigt werden sie von Schreinereien vor Ort. Ein nachhaltiges Modell, von dem alle profitieren. Mehr Informationen


  • Schwarmintelligenz statt Werkstattleiter

Eine traditionelle Oldtimerwerkstatt verzichtet auf den Werkstattleiter und gibt die Werkstattorganisation in die Hände der Mitarbeitenden. Mehr Informationen


Die sechs Strategien des P³erspekive Personal Ansatzes

Wir haben versucht, mit und von erfolgreichen Unternehmen wie diesen zu lernen. Dafür haben wir deren Strategien analysiert und zusammengeführt. Das Ergebnis ist ein Modell, das die sechs Lösungswege solcher Vorreiterunternehmen abbildet und für andere Betriebe nutzbar macht.


P3 Orientierungsmodel.jpg


Anders als herkömmliche Ansätze versucht das Modell, den wachsenden Herausforderungen Rechnung zu tragen. Es lädt dazu ein, die eigene Perspektive auf den Fachkräftemangel zu erweitern. Denn es ermöglicht systematisch Personalarbeit, Geschäftsprozesse und Geschäftsmodell vor dem Hintergrund von (erwartbaren) Fachkräfteengpässen zu hinterfragen und wo nötig, möglich und sinnvoll anzupassen:

Perspektive eins, die eigene Personalarbeit,

  • Finden und Binden: Wie versorgen wir uns mit passenden Mitarbeitenden?
  • Qualifizieren: Wie machen wir unsere Mitarbeitenden fit für die Herausforderungen von morgen?


Perspektive zwei, die eigenen Geschäftsprozesse (Produktivität) und

  • Organisieren und Führen: Wie sorgen wir dafür, dass unsere Mitarbeitenden ihr Potenzial voll entfalten können?
  • Technisch innovieren: Wie können wir mit technischen Innovationen Engpässe entschärfen?


Perspektive drei, das eigene Geschäftsmodell (Potentiale).

  • Kooperieren: Welche Partnerschaften können uns unterstützen und weiterbringen?
  • Geschäft entwickeln: Wie machen wir unser Know-how zukünftig zu Geld?


So auf Personalmangel zu blicken ist ungewohnt, denn in aller Regel ist Personalarbeit in kleinen Unternehmen eher situativ und reaktiv. Es geht darum, Personal möglichst pragmatisch und zeitnah zu finden, um angestrebte Unternehmensziele zu erreichen. Die 6 Lösungswege des Orientierungsmodells und die Beispiele laden zu einem Umdenken ein, einem echten Perspektivenwechsel: Wie müssen wir angesichts des Fachkräftemangels unser Unternehmen, also unsere Strategie selbst anpassen.


2.png


Aber mal ehrlich, wer ändert schon gerne etwas an den Grundfesten des eigenen Geschäfts, solange es funktioniert? Die wenigsten. Deshalb lohnt eine ehrliche Bestandsaufnahme in Bezug auf drohende Fachkräfteengpässe und die Frage: Was passiert, wenn wir so weitermachen wie bisher?

Gelingt dieser Perspektivwechsel aber, kann gerade aus der sinnvollen Verbindung von Maßnahmen auf den unterschiedlichen Ebenen eine individuell passende Lösung mit nachhaltiger Wirkung erwachsen. Und genau hier liegt der Vorteil für kleine Unternehmen. Denn in diesen befindet sich das Wissen in und ruhen die Entscheidungen auf wenigen Köpfen. Abteilungsgrenzen erschweren zudem nicht das Thema ganzheitlich zu betrachten und anzugehen.


Tool: P³erspektive Canvas - Schritt für Schritt zur eigenen Strategie

Solche Strategien entstehen allerdings selten nebenbei oder durch Zufall. Sie sind in aller Regel Ergebnis eingehender Überlegungen, mutiger Entscheidungen und einem langen Atem in der Umsetzung.

Für die Suche nach der richtigen Strategie haben wir mit dem P³erspektive Canvas ein einfaches Tool entwickelt, mit dem KMU Schritt für Schritt und auf einen Blick neue Perspektiven einnehmen, neue Maßnahmen entwickeln und zu machbaren und sinnvollen Entscheidungen verdichten können.

Hier können Sie den Canvas bestellen oder downloaden

P3 Plakat A1 101121-2.png

Der Canvas wird von innen nach außen in drei Schritten bearbeitet.

Schritt 1: Ausgangslage erfassen

Beginnend im Würfel in der Mitte wird zunächst die Ausgangslage auf den Punkt gebracht:

Ziele

  • Welche Ziele verfolge ich für mich und mein Unternehmen?
  • Wollen wir visionär denken oder (zunächst) prüfen, was wir mit geringem Aufwand (rasch) umsetzen können?


Engpässe

  • An welche Mitarbeitenden kommen wir heute und zukünftig besonders schwer?
  • Welche Engpässe behindern uns?


Potenziale

  • Woraus können (und wollen) wir zukünftig mehr machen?
  • In welchen der sechs Potenzialfelder wollen wir (zuerst) auf die Suche nach neuen Lösungen gehen?


Schritt 2: Optionen sammeln

Damit ist für ausreichend Orientierung gesorgt, um im folgenden Schritt entlang der sechs Potenzialfelder des P³erspektive Personal Ansatzes nach Optionen zu suchen.

Unserer Erfahrung nach braucht es dafür manchmal etwas Zeit und ein bewusstes Umdenken, um neben den gewohnten Bahnen auch neue Wege zu sehen und in Betracht zu ziehen. Unternehmensbeispiele und Inspirationsfragen unterstützen dabei. Bei welchen Mitarbeitenden schlummern etwa noch (unbekannte) Potenziale, die wir nutzen können? Worum sollen sich unsere Schlüsselkräfte kümmern? Was tun sie aber tatsächlich? Oder könnte unser Geschäftsmodell vielleicht auch ganz anders funktionieren als bisher? Vielleicht sogar ganz ohne (eigene) Mitarbeitende?

Ein Beispiel zur Verdeutlichung, wohin es führen kann ganz anders über Fachkräftemangel nachzudenken: Ein Dachdeckerbetrieb sucht verzweifelt nach neuen Arbeitskräften. Warum aber wollen viele Menschen nicht mehr auf dem Dach arbeiten? Das Wetter! Es ist einfach nicht jedermanns Sache, im Winter auf dem Dach zu arbeiten. Aber gegen das Wetter ist man schließlich machtlos, oder? "Nicht ganz", wirft die Frau des Meisters ein, "denn es gibt auch Aufträge, die wir im Innenraum erledigen können. Sicher, wir müssten uns dafür anders positionieren und die Aufträge entsprechend gezielter steuern".

Schritt 3: Lösungen sortieren, entscheiden und umsetzen

Sind ausreichend vielversprechende Optionen gesammelt, werden im äußeren Rahmen die Ergebnisse ausgewertet und in Maßnahmen übersetzt:

  • "Das setzen wir um?
  • "Das prüfen wir intensiver


Im unteren Feld können Sie Ihre Lösung nochmals kritisch hinterfragen und möglichen Stolpersteinen entgegenwirken.

Damit ist eine gute Grundlage gelegt, um sich zukunftsfähig aufzustellen. Die Erfahrung zeigt allerdings auch: Es geht nicht um eine einmalige Kraftanstrengung sondern um einen längerfristigen Prozess. Doch die Erfahrung aus andern Unternehmen zeigt, dass dabei mitunter der Weg das Ziel ist und im Verlauf des eingeschlagenen neuen Wegs sich nicht selten weitere unerwartete Möglichkeiten eröffnen.


Autor

Alexander Sonntag

sonntag(at)rkw.de