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Lernalbum
Version vom 7. September 2015, 09:39 Uhr von Sascha Hertling (Diskussion | Beiträge)

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Berufliche Tätigkeiten setzen nicht nur Fachkenntnisse, sondern auch Handlungswissen voraus. Hinzu kommt heute die Erwartung, dass die MitarbeiterInnen auch wissen, wie man Prozesse und Ergebnisse verbessern kann, in die Arbeitstätigkeit einbringen. Bei der Entwicklung von Handlungs- und Verbesserungswissen ist man nicht nur auf die bloße Arbeitserfahrung angewiesen. Es gibt Methoden und Medien, die diese Form der Kompetenzentwicklung sehr wirkungsvoll unterstützen können, wie zum Beispiel Medienwerkzeug Lernalbum.

Es ist in sehr vielen Bereichen einsetzbar, setzt bei der Erstellung keine besonderen Autorensysteme voraus, sondern kann auch von den Mitarbeiter/-innen selbst genutzt werden, um Wissen zum Beispiel in den Bereichen Produktion, Dienstleistung und Kommunikation darzustellen, weiterzugeben und anzueignen. Ein besonderes Kennzeichen von Lernalben besteht in der bildhaften und sprachlichen Doppelcodierung von Arbeitsschritten.


Was ist das Lernalbum?

Das Lernalbum ist ein Methodenwerkzeug und ein Medium - ein Medienwerkzeug:

  • Das Medium Lernalbum besteht aus einer Mappe aus Blättern (meistens DinA4 quer), in denen jeweils ein Arbeitsschritt - doppelcodiert (siehe unten) - beschrieben ist. Die ersten Lernalben bestanden aus sogenannten Flip-Fotoalben, bei denen jeder Arbeitsschritt durch ein Foto und eine genau gegenüberliegende Arbeitsschritt-Beschreibung dargestellt wurde (Bild). Daher der Name Lernalbum.
  • Das Methodenwerkzeug zum Lernalbum besteht aus einer Anleitung, wie reale Arbeitsprozesse analysiert und als Lernalbum dargestellt werden können. Was dabei im Endeffekt gemacht wird ist nicht bloß die Abbildung eines Vorgehens, sondern die Darstellung des mit dem Vorgehen verbundenen Handlungswissens.
  • Analyse und Lernalbumerstellung können und sollen so gemacht werden, dass die betrachteten Vorgänge (und das damit
verbundene Wissen) möglichst in verbesserter beziehungsweise optimierter Form dargestellt werden. So entsteht
Verbesserungswissen, das zum Beispiel bei Kontinuierlichen Verbesserungsprozessen (KVP) zum Tragen kommen kann.


Lern.jpg

Von der Handlung zum Arbeitsschritt

Das Zerlegen von Abläufen in Ablaufschritte ist eine Standardmethode, die in vielen Bereichen Anwendung findet (siehe auch die sogenannte Arbeitszergliederung nach REFA). Bei der Erstellung von Lernalben geht es jedoch nicht um beliebige Abläufe, sondern um Handlungen, die von einem definierten Ausgangspunkt zu einem definierten Zielpunkt gehen.

Ein einfaches Beispiel ist eine Montageoperation, bei der aus definierten Teilen ein definiertes Produkt gefertigt wird. Allerdings sind die Ausgangspunkte und auch die Endpunkte nicht immer so einfach erkennbar. Bei einem Anlagenüberwacher kann zum Beispiel der Anfangspunkt seines Eingreifens aus sehr unterschiedlichen Störungsmeldungen bestehen. Bei einer Pflegekraft kann der Endpunkt einer Tätigkeit stark von der jeweiligen Befindlichkeit des Patienten abhängen.

Die Methodik der Zerlegung von Handlungen in Arbeitsschritte beginnt daher mit der Feststellung, was der jeweilige Ausgangs- und was der Endpunkt ist. Danach ist zu klären, ob die Schrittfolge linear oder verzweigt ist oder ob die Schrittfolge situationsabhängig neu kombiniert werden muss (die 3 verschiedenen Grundstrukturen zeigt das Bild).


Lern2.jpg


Bei einfachen, linearen Handlungen ist die Zerlegung in Arbeitsschritte ziemlich einfach. Bei komplexeren Handlungen ist etwas Anleitung und Übung notwendig - dazu gibt es Handlungshilfen (siehe unten).

Die Darstellung von Arbeitsschritten im Lernalbum

Arbeitsschritte untergliedern eine zielgerichtete Handlung. Ein neuer Arbeitsschritt beginnt dann, wenn sich inhaltlich etwas ändert: Es wird zum Beispiel ein anderes Maschinenelement bedient.

In diesem Zusammenhang sind zwei Arten von Arbeitsschritten zu unterscheiden:

1. Bei ausführenden Arbeitsschritten geht es im Wesentlichen darum, einen Bestandteil einer Handlung vollständig und richtig auszuführen.

2. Bei Prüf- und Entscheidungsschritten muss eine Situation oder ein Zustand beurteilt und in Verbindung damit eine Entscheidung getroffen werden.

Ausführende Arbeitsschritte und Entscheidungsschritte sind in den Handlungen sinnvoll miteinander verknüpft. Wegen ihrer Unterschiedlichkeit müssen sie aber unterschiedlich beschrieben werden. Bei der Darstellung von ausführenden Arbeitsschritten muss vor allem das Wie und Warum des Schrittes deutlich werden; von Entscheidungsschritten muss zunächst die zu prüfende Situation / Problematik mit wenn-Angaben verbunden werden. Zusätzlich sind die möglichen Handlungsschritte mit dann-Angaben zu beschreiben. Vereinfacht: Wenn A, dann B.

Bei der Darstellung von Arbeitsschritten ist demnach ein Verfahren zu wählen, welches sich sowohl für einfache wie für komplizierte Schritte, für ausführende wie für prüfende Operationen gleichermaßen gut eignet.

Warum Doppelcodierung mit Bild und Sprache?

Beim Lernalbum werden Arbeitsschritte in einem doppelten Code beschrieben: Bildhaft und sprachlich:

  • Die bildhafte Darstellung kann durch geeignete Fotos, aber auch durch Skizzen oder Schemata vorgenommen werden
  • Die sprachliche Darstellung erfolgt am besten durch kurze Aussagesätze, mit denen die sogenannten W-Fragen beantwortet werden: WAS geschieht, WIE ist es auszuführen; Wenn - Dann, Wo ist einzugreifen, Warum ist so vorzugehen, mit Wem zusammen ist zu :handeln. Diese W-Fragen eignen sich sowohl für ausführende Schritte wie für Entscheidungsschritte.


Das Prinzip der Doppelcodierung und hier insbesondere die Bedeutung des sprachlichen Codes sind oft nicht direkt einsichtig. Bei vielen Bedienungsanleitungen wird beispielsweise versucht, möglichst mit bildhaften Darstellungen auszukommen. Allerdings werden bei komplexeren Arbeitsschritten die Grenzen einer rein bildhaften Darstellung schnell deutlich. Vor allem bei Entscheidungsschritten lassen sich wichtige Inhalte überhaupt nicht mehr (sinnvoll) bildhaft darstellen.

Sprachliche Begriffe und Sätze sind demnach keine bloße Option, sondern eine Notwendigkeit, um Handlungsinhalte darzustellen. Erst über sie wird aus Sinneseindrücken Wissen, das auch inhaltlich kommuniziert werden kann. Wenn man, wie beim Lernalbum, jeden Arbeitsschritt sowohl mit einem Bild wie mit sprachlichen Aussagen darstellt, dann erhält man eine fundierte und gut kommunizierbare Abbildung von dem, was in einer Handlung geschieht: Handlungswissen wird dargestellt, wie zum Beispiel in der nächsten Abbildung.


Lern3.jpg

Welche Kompetenz wird bei der Erstellung erworben?

Vor allem die Personen, welche direkt in die Erstellung von Lernalben einbezogen sind, erwerben nicht nur Handlungswissen, sondern auch Verbesserungswissen:

  • Bei der Analyse von Arbeitshandlungen werden Methoden wie die Arbeitszergliederung oder die der Unterscheidung von Handlungsstrukturen angewendet. Es entsteht Methodenkompetenz.
  • Bei der Darstellung von Arbeitsschritten werden auch logische und sprachliche Fähigkeiten gefordert. Es entwickelt sich logisches Denken und Sprachkompetenz.
  • Kreativität wird angeregt, wenn es um die Frage geht, ob die bisherige Vorgehensweise nicht variiert, umgestellt oder neu kombiniert werden sollte.
  • Vermittlungskompetenz kommt dadurch ins Spiel, dass die Lernalben für bestimmte Adressaten mit bestimmten Lernvoraussetzungen gestaltet werden müssen. Die Zielgruppe des Lernalbums muss bedacht werden.

Welche Kompetenz wird bei der Nutzung erworben?

Die Kompetenzförderung, die durch den Einsatz von Lernalben erreicht werden kann, ist stark abhängig von der Einsatzart. Das bloße Verteilen von Lernalben bringt eher wenig - eine zielgerichtete Nutzung der Lernalben dagegen sehr viel.

Man kann Lernalben sehr gut mit Unterweisungs- und Trainingsmethoden verbinden, aber auch in Arbeitsgruppen nutzen. Ein gutes Praxisbeispiel ist die selbstgesteuerte Verwendung von Lernalben in Kleingruppen aus Mitarbeitern mit eingeschränkter Deutschsprach-Kompetenz: Der bildhaft-sprachliche Doppelcode kann hier genutzt werden, um sich gegenseitig Begriffe, Satzstrukturen und die Bedeutung von Aussagen und Wenn-Dann-Verknüpfungen beizubringen.

Es ist nachgewiesen, dass der Doppelcode auch im Gedächtnis verankert wird und dass sich die Merkleistungen durch die Doppelcodierung deutlich verbessern.

Wie und wo können Lernalben eingesetzt werden?

Der Einsatz von Lernalben lohnt sich vor allem dann, wenn Handlungswissen weitergegeben werden soll, aber dies durch die bekannten Methoden des Vormachen-Nachmachens oder einer rein sprachlich-schulischen Darstellung nicht gut und sicher genug gelingt. Es hängt nicht nur von der Handlung, sondern auch vom Kompetenzniveau der Zielgruppe ab, ob Lernalben eingesetzt werden sollen.

Nicht nur gegenständliche Handlungen (wie z. B. in der industriellen Produktion), sondern auch Dienstleistungsprozesse einschließlich Pflegehandlungen können mit Lernalben dargestellt und vermittelt werden. Bei rein kreativen Prozessen (Entwurf, Konstruktion, Entwicklung von Szenarios u.s.w.) sind natürlich andere Methoden besser geeignet. Methodenkombinationen können sehr fruchtbar sein.

Wo gibt es Hilfestellungen?

Für eine effiziente Erstellung von Lernalben ist eine Präsentationssoftware wie MS Powerpoint sehr gut geeignet und voll ausreichend. Mit ihr können auch die Lernalben ausgedruckt und verwaltet werden.

Autor

Dr. Elmar Witzgall

dr.witzgall(at)wissen-koennen.de