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Die Kraft zukunftsorientierter Führung
Version vom 16. Februar 2022, 13:23 Uhr von Sascha Hertling (Diskussion | Beiträge)

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Wenn ich mich diesem Thema annähere, sehe ich die vielen Menschen, die ich begleite und begleitet habe und es tauchen unversehens die zwei menschlichen Ur-Bedürfnisse auf:

  • Von anderen Menschen gesehen und angenommen zu werden, wie man ist und mit dem, was man tut, Zugehörigkeit zu erfahren. Als Säugling und Kleinkind ist das offensichtlich existenziell, es behält jedoch unser ganzes Leben lang eine tragende Bedeutung, so auch als Erwachsene in unseren Arbeitszusammenhängen.
  • Unser Innerstes, nennen wir es das Eigene, unser Wesen oder das Intrinsische, in die Welt zu bringen und es in sozialen Gefügen zu entwickeln und zu gestalten.


Beide Bedürfnisse sind zutiefst auf Verbundenheit mit sich selbst, anderen Menschen und dem, was uns umgibt, ausgerichtet. Mit uns selbst und mit diesen Bedürfnissen in Kontakt zu sein, um so aus uns heraus, in Verbindung mit anderen Menschen zu handeln, hat die größte, den Menschen dienende, Kraft.

Es gibt unzählige Begriffe, die in der Unternehmenswelt genutzt werden und die oft unbewusst mit diesem Hintergrund in Verbindung stehen: Engagement, Wertschätzung, Synergie, Wachstum, Teamgeist, Vision, soziale Kompetenz, Kreativität, Erfolg, New Work, Motivation, Empowerment, Gesundheit, Resilienz und viele mehr.

Auf der anderen Seite gibt es Formulierungen für schwächende Auswirkungen, wenn unser Innerstes dauerhaft unbeantwortet bleibt: innere Kündigung, Dienst nach Vorschrift, Mobbing, Krankheit, Kraftlosigkeit, Überanstrengung, Konkurrenz, Verweigerung, Burnout und andere.

Hier möchte ich zwei Beispiele aus meiner Arbeit einfügen, die zeigen, was der Hintergrund für Erfolg sein kann, aber was diesem gleichzeitig auch Grenzen setzt.


  • Ich sehe den erfolgreichen Unternehmer, der als Junge in der Schule ständig gehänselt wurde und sich auch von seinem Vater nicht gesehen fühlte. Irgendwann bäumte sich etwas in ihm auf und verdichtete sich in fünf Worten: "Ich zeige es euch allen!". In unserer ersten Begegnung spricht er dann weiter: "Und ich habe erreicht, was keiner von ihnen, auch mein Vater, nicht erreicht hat." Unvermittelt steht er auf, tritt ans Fenster, zeigt auf seinen Prestigewagen, und sagt: "Das interessiert mich heute überhaupt nicht mehr. Ich habe mich in dem, was ich all die Jahre gemacht habe, verloren." Nach dieser Krise, mit der auch eine tiefgreifende Erschöpfung einherging, begann er, sich selbst immer mehr auf die Spur kommend, sein Unternehmen langsam umzustrukturieren, innerlich und äußerlich wachsend.


  • Eine Führungskraft in einem Unternehmen hatte 20 Jahre lang eine klare Haltung zur Durchsetzung und zum Umgang mit Konflikten. "Wenn sich mir jemand in den Weg stellte, ging es um Kampf. Und das konnte man haben, da gab es keine andere Regung in mir." Das funktionierte viele Jahre und er galt damit als erfolgreich. Dann, völlig unversehens, trat eine Krise auf. Sie erschütterte ihn in seinen Grundfesten und nach einiger Zeit realisierte er, dass er seinen Beruf nicht mehr ausführen konnte. Wenn man ihn heute, in seiner gelassenen und spürfähigen Weise darüber sprechen hört und dabei seine imposante Gestalt sieht, riecht man sozusagen noch die verbrannte Erde. Doch die Erfahrung dieser "Wand", sollte sich als Ort der "Wand-lung" erweisen. Heute arbeitet er immer noch im gleichen Unternehmen, jedoch in einer Position, in der er, als ein wacher und umsichtiger Coach und Trainer, den Umgestaltungsprozess zu mehr Agilität mitgestaltet.


Meistens scheint es zu Beginn eines Coachings, Trainings oder einer Beratung um ganz andere Dinge zu gehen. Doch wo es auch brennt, immer sind auch die Ur-Bedürfnisse in den Dynamiken wirksam: in der Überlastung der Führungskraft, in dem kippenden Projekt des Teams, in der Krise des Unternehmens.

Je mehr wir uns von uns selbst entfernen, umso sinnentleerter und unverbundener ist unser "Da-sein" und Tun. Wir handeln nicht aus uns heraus, sondern sind sprichwörtlich "außer uns". Denn ohne Kontakt zum eigenen, inneren Kompass orientieren wir uns nur im Außen und an dem, was angeblich gefordert und entsprechend ist. Doch jeder Unternehmer, jede Unternehmerin und die vielen Mitarbeitenden sind als Menschen einzigartig und haben daher etwas ganz Eigenes anzubieten.

Wenn also über Zukunftskompetenzen gesprochen wird, so meine ich, braucht es zuallererst ein Bewusstsein für diese Ur-Bedürfnisse. Wenn es Unternehmen gelingt, Gelegenheit zu schaffen, so dass die in ihnen tätigen Menschen ihr "Wesen-tliches" ausdrücken können, wird es ihnen möglich, vorhandenes eigenes und gemeinschaftliches Potenzial aufzudecken. Das "Wesen-tliche" eröffnet sich uns, wenn wir unserem "Wesen" nahe sind. Das wiederum setzt Begeisterung, Kraft und Kreativität frei, weil wir uns selbst in unserem Tun und Sein wiederfinden.

In diesem Sinne brauchen die unternehmerischen Dienstleistungen und Produkte in der Zukunft eine Ausrichtung, die den Menschen, auch als Gemeinschaft in einer umfassenden Weise dienlich sind.


Hier finden Sie den vertiefenden Podcast "Mit umfassender Präsenz in die Zukunft" zum Thema.


Autor

Joel Weser

joel.weser(at)t-online.de