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Eine professionelle Personalauswahl kann ein wesentlicher Beitrag zum Unternehmenserfolg sein. Die Zuverlässigkeit der Bewerbereinschätzung lässt sich deutlich steigern, wenn einige Kriterien eingehalten werden. Diese sind: Ein differenziertes Anforderungsprofil, ein Gesprächsleitfaden, ein spezifischer Fragenkatalog und eine klare Definition dessen, was genau das erwünschte Verhalten des Bewerbers ist und woran es im Interview festgemacht wird. Außerdem zwei Interviewer und ein zusätzliches Testsystem zur Absicherung des persönlichen Eindrucks.
In Zeiten von Kosteneinsparungen, Prozessoptimierungen und Mangel an qualifizierten Fach- und Führungskräften ist es ausgesprochen wichtig, Bewerber mit Potenzial zu identifizieren. Eine falsch eingestellte Fach- oder Führungskraft verursacht nicht nur den anderen Mitarbeitern Motivationsprobleme sowie Imageschäden für die Firma, sondern auch mindestens ein Jahresgehalt an Kosten. Dabei sind noch nicht die indirekten Kosten wie negative Auswirkungen auf Innovationsprozesse, Kunden und so weiter berücksichtigt.
Intuitiv und unprofessionell geführte Bewerbergespräche sind unzuverlässig und beinhalten einige Fallstricke. Diese Fallstricke lassen sich deutlich reduzieren, wenn einige Punkte beachtet werden.
Wichtige Kriterien für ein qualitativ hochwertiges Bewerberinterview sind:
Im folgenden diese Punkte im Detail:
1. Klares Anforderungsprofil
(Fachliche, persönliche und Führungskompetenz)
Die Qualität einer Auswahlentscheidung ist so gut wie das Anforderungsprofil. Nur wenn ein eindeutiges Anforderungsprofil definiert ist, können im Interview oder in weiteren unterstützenden Diagnoseinstrumenten, wie wie zum Beispiel Tests, die vorhandenen Fähigkeiten im Verhältnis zu den Anforderungen klar und differenziert geprüft werden.
Es sollte geprüft werden, ob sich die Anforderungen verändert haben, bevor ein Anforderungsprofil aus der Vergangenheit übernommen wird.
Beispiel eines Anforderungsprofils
Entscheidend ist, dass das Anforderungsprofil auf die Firma und auf die Position abgestimmt ist.
Wie wichtig ein realistisches Anforderungsprofil ist, zeigt sich sehr schnell dann, wenn der ideale Bewerber oder die ideale Bewerberin nicht zu finden ist. In Zeiten mangelnder qualifizierter Fach- und Führungskräfte ist dies in der Praxis oft der Fall.
Wenn es jetzt in Folge dessen darum geht, das ursprünglich definierte Anforderungsprofil (das oft nur einem Wunsch entspricht) abzuspecken, um doch noch einen (vielleicht nicht ganz optimalen) Bewerber einstellen zu können, stellt sich die Frage: Worauf können wir wirklich verzichten? Hierbei ist entscheidend, dass mindestens zwischen Musskriterien und ‚nice to have’ unterschieden wird. Es ist empfehlenswert, sich bei der Erstellung des Anforderungsprofils genau zu überlegen, welche Fähigkeiten die oder der Neue haben soll, und darüber hinaus bei dessen Definition folgender Maßen vorzugehen:
Im ersten Schritt werden alle Aufgaben, die später erledigt werden sollen, zusammengetragen. Es geht hierbei um die Frage: Was soll der Mitarbeiter tun und welche Verantwortung hat er? Dann wird im zweiten Schritt festgelegt, wie diese Aufgaben erledigt werden sollen, also, wie stellen wir uns die Aufgabenerledigung idealerweise vor? Im dritten Schritt wird festgelegt, welche Eigenschaften und Fähigkeiten der Mitarbeiter zur Erledigung benötigt. Der vierte und letzte Schritt ist die Unterscheidung von Muss- und Kannkriterien.
Beispiel
| Was soll der Mitarbeiter tun? | Welche Fähigkeiten und Kompetenzen werden dafür benötigt (= Anforderungskriterien) | Wie sollen die Aufgaben erledigt werden? | Muss- und Kannkriterien |
| Neukundenakquise | Mit Kunden Termin vereinbaren | Mut / Initiative / sicheres Auftreten / Rhetorik | Muss |
| Auf den Kunden aktiv zugehen | Initiative / ersten Schritt machen | Muss | |
| Das Erstgespräch führen | Small Talk / Intuition / Menschenkenntnisse | Muss | |
| Bedarfsanalyse durchführen | Interessen / systematisches Vorgehen | Muss | |
| Produkt präsentieren | Bildhafte Sprache / Vorteilsargumente | Kann | |
| Preisverhandlungen durchführen... | Zusammenhänge herstellen | Muss | |
| Bestandskundenpflege | ... | ... | ... |
2. und 3. Klarer Leitfaden bzw. Gesprächsstruktur
Sorgfältig abgestimmter, und diagnostisch sinnvoller Fragenkatalog
Die Aussagesicherheit bezüglich des späteren Erfolges des neuen Mitarbeiters auf der Grundlage eines Interviews ist sehr niedrig. Gründe hierfür sind unter anderem:
Deshalb sollte ein Fragenkatalog erarbeitet werden. Die Fragen kommen dann primär aus diesem Katalog. Das bedeutet nicht, dass die Fragen immer in der gleichen Reihenfolge ‚abgearbeitet’ werden müssen. Angenommen es bestehen zu jedem einzelnen Anforderungskriterium sieben Fragen. Dem ersten Bewerber werden dann zum Beispiel zunächst vier Fragen davon gestellt, die erste, die dritte, die vierte und die fünfte Frage, und dem zweiten Bewerber - in Abhängigkeit vom Verlauf des Interviews - die erste, die zweite, die dritte und die sechste Frage. Der Vorteil dieses Vorgehens ist, dass dadurch Vergleichbarkeit gesichert und zugleich Flexibilität in der Gesprächsentwicklung möglich ist.
Häufig lassen sich die Interviewer im Bewerbungsgespräch bei ihren Beobachtungen zu sehr durch Gefühle leiten, so dass es schwer fällt, die jeweilige Qualifikation des Bewerbers genau zu prüfen. Wenn das Gespräch selbst stark gefühlsgesteuert ist, gibt es später keine Möglichkeit mehr, subjektive Eindrücke zu überprüfen.
Das Problem hierbei sind vor allem die unterschiedlichen Beobachtungsfehler. Hiervon gibt es eine Menge. Diese lassen sich nicht völlig verhindern, aber durch Beachtung folgender Punkte erheblich reduzieren:
4. Eindeutige Beobachtungsmerkmale
Die meisten Fehler werden bei der Beobachtung und damit bei der Bewertung des jeweiligen Bewerberverhaltens gemacht.
Den Interviewern ist oft nicht klar, an welchen Aussagen oder Verhaltensweisen des Bewerbers sie erkennen können, ob er eine gegebene Anforderung erfüllt, zum Beispiel ob ein Bewerber ‚kritikfähig’ ist. Sie haben kaum eine Vorstellung, was sie hierzu im Interview beobachten könnten.
Deshalb ist es empfehlenswert, bereits im Vorfeld eines Interviews zu den wichtigsten Anforderungskriterien einen sogenannten Beobachtungsbogen zu entwickeln. Dieser konkretisiert, welches Verhalten zu schwach oder zu intensiv ist, oder der Anforderung entspricht. In der Fachsprache wird ein solcher Beobachtungsbogen Operationalisierung der Anforderungsmerkmale genannt.
Die folgende Tabelle zeigt einen Auszug aus einem Beobachtungsbogen zu der Anforderung Durchsetzungsfähigkeit:
| Beobachtbare Verhaltensmerkmale |
schwache Ausprägung |
positiver Bereich |
übersteigerte Ausprägung |
| Durchsetzung |
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5. Sequenzielle Prüfung der Anforderungskriterien
und Mindesinterviewdauer
Die Aussagefähigkeit über die Kompetenz und die Entwicklungsmöglichkeiten der Bewerber wird dadurch verbessert, dass die einzelnen Anforderungskriterien jeweils getrennt voneinander und sequenziell geprüft werden. Man behält so den Überblick und die gegenseitige Beeinflussung der einzelnen Beobachtungen wird weitgehend vermieden. Dadurch wird eine wesentliche Fehlerquelle reduziert.
Ein systematisch geführtes Interview zur Feststellung der erforderlichen Kompetenz dauert mindestens 1 ½ bis 2 Stunden, zuzüglich der Prüfung der fachlichen Fähigkeiten eines Bewerbers.
Besser ist es noch, zwei Interviews zu führen, da sich Bewerber im zweiten Gespräch meist anders verhalten als im ersten und Beobachtungen aus dem ersten Interview vertieft beziehungsweise ergänzt werden können.
6. Zwei Interviewer und als Ergänzung eine Potenzialanalyse
(Test oder Einzel Assessment)
Viele Fehler können durch einen zweiten Interviewer reduziert werden. Eine Person kann sich auf den Gesprächsfluss konzentrieren und die andere Person auf das Beobachten. Diese Beobachtungen können später wieder aufgegriffen und vertieft werden.
Auf Grund der niedrigen Zuverlässigkeit von Aussagen über die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Bewerbers ist zusätzlich zum Bewerbergespräch ein Testsystem/eine Potenzialanalyse beziehungsweise ein Einzel-Assessment-Center zur Absicherung oder gegebenenfalls Korrektur subjektiver Eindrücke zu empfehlenswert. Untersuchungen zeigen, dass es mit professionell durchgeführten Interviews möglich ist, bis zu 45 Prozent des späteren Verhaltens zu prognostizieren. Qualitativ hochwertige Potenzialanalysesysteme können bis zu 75 Prozent des späteren Verhaltens beschreiben, so dass eine Kombination sinnvoll ist.
Im Moment gibt es am Markt eine Vielzahl solcher Systeme, die jedoch meist entweder den notwendigen praktischen Anforderungen oder den wissenschaftlicher Gütekriterien nicht genügen.
Bereits durch eine konsequente Umsetzung der obigen Punkte läßt sich jedoch die Trefferquote bei der Auswahl von Fach- und Führungskräften deutlich erhöhen.
7. Beachtung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes
Seit dem August 2006 gibt es in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Dieses Gesetz ist im wesentlichen nichts neues, wird jedoch zur Zeit politisch besonders betont.
Mit dem AGG werden vier EU-Richtlinien zum Schutz vor Benachteiligung am Arbeitsplatz hinsichtlich der Merkmale Rasse, ethnische Herkunft, Religion und Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexuelle Identität und Geschlecht umgesetzt. Nach dem AGG haftet der Arbeitgeber auch ohne eigenes Verschulden, wenn Mitarbeiter/-innen nachweislich andere diskriminieren oder belästigen, es sei denn, der Arbeitgeber hat seine Beschäftigten in den relevanten Themen des AGG nachweislich geschult.
Die Konsequenz bei der Personalauswahl ist, dass der Arbeitgeber
Weiterhin ist dringend zu empfehlen, dass ein Arbeitgeber abgelehnten Bewerbern keine differenzierte Aussage über den Ablehnungsgrund nennen sollte (so schade dies ist), da diese Informationen gegen den Arbeitgeber verwendet werden können.
Weitere Links:
www.hrbrain.de und www.muellerschoen-focus.de
Literatur:
Albrecht Müllerschön: Bewerber professionell auswählen. Beltz Verlag 2005
Margaret Dale; Kogan Page: Recruting & Selection
Heinz Schuler: Psychologische Personalauswahl. Verlag für angewandte Psychologie